Karl Kiem

Rammekens, eine frühe Bastionärfestung in den Niederlanden (De Boni, ab 1547)

Die Bauformen der Festung Rammekens sprechen nicht nur deutlich von dem direkten Export der italienischen Renaissance, sowohl in technologischer wie in künstlerischer Hinsicht. Sie markieren auch eine grundlegende Phase der niederländischen Geschichte – die territoriale Abgrenzung. Gelegen ist die Festung im Südwesten der heutigen Niederlande, auf der früheren Halbinsel Walcheren an der Mündung der Westerschelde. Außerhalb Italiens ist sie eine der ältesten erhaltenen bastionären Befestigungen. (1)


Bauherr Karl V.

Gebaut wurde Rammekens ab 1547 im Auftrag Kaiser Karl’s V. (1500-1558). (2) Dieser betrieb damit den Ausbau der Sicherung seiner Macht an der empfindlichsten Stelle seines Herrschaftsgebietes. Für Antwerpen, die politische und ökonomische Zentrale seines Reiches, war der Schutz der Seeverbindung lebensnotwendig. Über den Scheldehafen wurden 50% der Welthandelsgüter umgeschlagen. (3) Darüber hinaus herrschte hier ein reger militärischer Schiffsverkehr. Lediglich auf dem Seeweg gab es eine neutrale Verbindung des »Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation« mit den anderen Teilen des Habsburgerreichs. (4)
Um die Jahrhundertmitte verstärkte sich die Aufmerksamkeit Karl’s V. für die Niederlande. Der erfolgreiche Widerstand der von Frankreich unterstützen protestantischen Reichsfürsten sabotierte die Versuche des Kaisers, das Reich zu einem einheitlichen Zentralstaat zu entwickeln. (5) In den Niederlanden aber war der in Gent geborene Kaiser als Erbe des Herzogtums Burgund selber Landesfürst. Hier gelang es ihm mit Hilfe der Statthalterin Maria von Ungarn, seiner Schwester, allmählich die Macht der freien Städte zu brechen, aufsässige Adelige zu unterwerfen und nicht ganz eindeutige Besitzverhältnisse zu seinen Gunsten zu klären. (6) So entstanden die »Siebzehn Provinzen der Niederlande«. Während der Reichstag zu Worms ihre territoriale Einheit 1548 als »Burgundischer Kreis« bestätigt, befindet sich Rammekens im Bau.


Bauplatz

Die Lage im Mündungsdelta zwischen Ost- und Westschelde verlieh Walcheren eine besondere strategische Bedeutung für die gesamte Schelderegion. (7) Der Bauplatz Rammekens an der Südseite der Insel (Abb. 1), im 16. Jh. Blanckershoek geheißen, war in mehrfacher Hinsicht günstig gewählt. Hier begann die Zufahrt zum Hafen von Middelburg, der erheblich kleiner als der von Antwerpen, jedoch ebenfalls nicht ohne Bedeutung war (8); außerdem führte die Fahrrinne direkt am Ufer vorbei, so daß von fremden Mächten leicht Truppen an Land gesetzt oder die Deiche zerstört werden konnten. (9) Zudem war der Schiffsverkehr an dieser Stelle gut zu kontrollieren.



1. Die Scheldregion in der ersten Hälfte des 17. Jhs. Rammekens liegt zwischen Middelburg und Vlissingen auf der Südseite der Insel Walcheren (links oben).


Rekonstruktion

Die Anlage der Festung Rammekens von 1547 kann weitgehend rekonstruiert werden. Der Bau umschloß einen trapezförmigen Innenhof mit einer Seitenlänge von nur etwa 40 Meter (Abb. 2). (10) Die beiden Mauern an der Seeseite hatten Schießscharten, vier zu Schelde, zwei zur Hafeneinfahrt nach Middelburg. In der Diagonalen verläuft die Symmetrieachse. Auf ihr liegt an der Seeseite die gemauerte Bastion. Diese hat je eine Scharte in der Flanke sowie eine in der Spitze. Die Gewölbe der Bastion tragen eine Plattform zur Aufstellung von weiteren Kanonen.
Im Gegensatz zu den einfachen Mauern an der Seeseite sind zur Landseite Erdwälle angeordnet, nach außen mit Mauerwerk verkleidet. (11) Entsprechend sind hier die beiden (Halb-)Bastionen ausgebildet: Sie liegen an den seeseitigen Kurtinen, ihre Scharten sind landeinwärts gerichtet. Vom Hof aus führt je ein gewölbter Zugang durch die Kurtine hinunter zu den beiden Doppelkasematten. Diese liegen geschützt in der zurückgezogenen Flanke. Die Gewölbe ließen zur Flankenmauer eine Aussparung für den Abzug des Kanonenrauchs. (12) Der Schutz der nördlichen Halbbastion ermöglichte unter Verzicht auf die Erdfüllung der Kurtine die Anlage zweier Kasematten. Die westliche diente als Pulvermagazin. Daneben liegt hier, ebenfalls noch geschützt, die Einfahrt mit der angeschlossenen Wachstube. Die Krümmung im Grundriß sollte einen feindlichen Beschuß des Hofes durch das Tor hindurch verhindern.



2. Rekonstruierter Grundriß der Festung von 1547.


Augenfällig zeigt die Rekonstruktion der Festung von 1547 die unterschiedliche Behandlung von Land- und Seeseite. Eigentlich entsprach die gemauerte Bastion mit dem gewölbten Innenraum sowie die Ausbildung der Kurtinen als Mauern mit Schießscharten ohne Erschütterung nicht mehr der Höhe der Befestigungstechnik jener Zeit. Da von See aus eine Festung jedoch sehr schwierig zu zerstören war, dürfte diese billigere veraltete Lösung trotzdem ausreichenden Schutz gegen Schiffskanonen geboten haben.
Zur Landseite sind die Verteidigungsanlagen sehr viel widerstandsfähiger ausgebildet. So entsprechen hier die außen mit Mauerwerk verkleideten Erdwälle der zu erwartenden höheren, zielgenaueren und länger andauernden Feuerkraft. In ihrer Ausbildung genügen die einzelnen Bauteile dem Entwicklungsstand der Befestigungstechnik jener Zeit. Die weitgehende Überdeckung der Flankenhöfe darf für die damalige Zeit sogar als besonders sicher gelten. (13) Doch erst die Gesamtkonzeption zeigt den eigentlichen Charakter dieser Front: von einer konsequenten Flankierung, dem Wesensmerkmal des bastionären Prinzips, kann keine Rede sein. Die Bastionen an den Deichen sind nur halb ausgebildet. An der Ecke zur Landseite befindet sich überhaupt keine Bastion.
Die Landseite war offensichtlich gegen Überfälle, nicht aber für längere Belagerungen gerüstet. Aufgrund der Nähe der beiden Festungsstädte Vlissingen und Middelburg war eine »isolierte« Belagerung nicht zu erwarten. Überhaupt ist Rammekens eindeutig kontrollierend gegen die See gerichtet; zur Landseite mußte der Festung lediglich der Rücken freigehalten werden.



3. Ansicht des Tores von außen; In den Einschnitten des Gesimses befanden sich früher die Balken der Zugbrückenkonstruktion.
4. Rekonstruktionsversuch der Entwurfsschritte des Tores: 1. Das Tor besteht aus einem Quadrat mit der Seitenlänge 2a. Horizontal ist mittig das Kämpfergesims »eingeschoben« – 2. Der Scheitelpunkt der Toröffnung ist die Spitze eines gleichseitigen Dreiecks mit der Seitenlänge 2a. Über dem Kämpfergesims bildet die restliche Höhe des Dreiecks den Radius des Torbogens, unter dem Kämpfergesims die halbe Breite der Toröffnung. – 3. Die Ausladung des Gesimes ergibt sich aus der Diagonalen der Torrahmung.



Ist eine eindeutige Ausrichtung nach topographischen Aspekten bei bastionären Befestigungen nur selten zu finden, so kommt bei Rammekens als Besonderheit noch die Integration der Festung in die Deichanlage hinzu, (14) denn das den Gezeiten unterworfene Scheldewasser umspülte die seeseitigen Kurtinen. In ihnen fand der von Nord und West kommende Deich seine Verlängerung. Durch je eine rundbogige Öffnung in der Face der Halbbastion stand er mit der Erschüttung der Halbbastion in konstruktiver Verbindung.

Architekt Donato de Boni

Die Konzeption der Festung Rammekens zeigt eine besondere Berücksichtigung der Bedingungen des Bauplatzes und der Funktion. Architekt dieser Anlage ist Donato de Boni Pellezuoli aus Bergamo. (15) Er wurde vom Kaiser 1540 aus Italien in die Niederlande berufen, um zunächst in Gent zur Sicherung der kaiserlichen Macht eine Zitadelle zu bauen. (16) Sein Hauptwerk war die im 16. Jahrhundert sehr beachtete Stadtbefestigung von Antwerpen (ab 1542). De Boni’s Arbeiten zeugen vom Einfluß der wichtigsten Festungsarchitekten jener Zeit, der Gebrüder Sangallo und des Veronesers Sanmicheli. Vor allem erstere hatten über zwei Generationen hinweg Entscheidendes zur Entwicklung des bastionären Systems beigetragen. (17)
De Boni war über den neuesten Stand der Befestigunstechnik informiert. (18) So darf davon ausgegangen werden, dass bestimmte Verstöße gegen die Regeln des bastionären Systems bei Rammekens bewusst in Kauf genommen worden sind. Offensichtlich konnte bei einer in erster Linie gegen die See gerichteten Befestigung auf eine konsequente Flankierung verzichtet werden; dagegen zeigt sich in der Ausbildung des Tores und der Halbbastionen die hohe Funktionalität des einfachen Entwurfes. Besonders anschaulich spricht die Ausformung des Tores von der italienischen Herkunft des Entwerfers (Abb. 3 und 4). Denn die einheimischen Architekten jener Zeit waren noch in spätgotischen Bautraditionen verblieben und verwendeten Renaissancemotive allenfalls dekorativ. (19)
Als einer der wenigen erhaltenen Bauten aus der Regierungszeit Karl’s V. ist Rammekens mit seinem Tor ein wichtiges Beispiel für den direkten Import der italienischen Renaissance in die Niederlande.
Das Tor von Rammekens zeigt den Grundwiderspruch des neuzeitlichen Festungsbaus zwischen Zweckbestimmung und dem gewünschten Ausdruck von Wehrhaftigkeit und Repräsentation. Die notwendigerweise kaum gegliederten, relativ niedrigen Mauern waren wenig eindrucksvoll. Und Tore waren am besten geschützt, wenn sie hinter die Bastionsflanke zu liegen kamen. Eine besondere Wirkung aber konnten sie nur dann entfalten, wenn sie unter Vernachlässigung von Sicherheitsrücksichten in der Kurtine angeordnet wurden.
De Boni suchte bei Rammekens den Kompromiß. Nach Art der formal einfach gestalteten Tore der Gebrüder Sangallo, entstanden in der Toscana und im Papststaat (z.B. Poggio Imperiale 1488-1511; Florenz, Fortezza da Basso 1534-34) (20), ist das Tor von Rammekens gut zu verteidigen. Es liegt hinter dem Ohr der nördlichen Halbbastion und ist überdies der Flanke zugedreht. In seiner qualitätsvollen Ausbildung weist es trotz der Bescheidenheit der Mittel eher auf die repräsentativen, in Kurtinenmitte gelegenen Veroneser Torbauten Sanmicheli’s. (21)
Die Bedeutung des Tores war auf Rammekens durch ein (verschwundenes) Wappenschild aus grauem Schiefer auf der Face der Halbbastion links vom Tor unterstrichen (22); es zeigt die Wappen der Habsburger Maria von Ungarn und Maximilian von Burgund. Als übliches architektonisches Dekor befand sich auf der Kalksteinverkleidung der Außenmauern ein rundumlaufendes Cordongesims. (23)
Auch die Ausbildung der Halbbastionen von Rammekens zeugt von der Modernität des Entwurfes von De Boni (Abb. 2). Vorbildcharakter hatten zu jener Zeit die Bastionen der Stadtbefestigung von Verona (1530ff.) von Sanmicheli. (24) Wohl zum ersten Mal wurden hier Bastionen mit Erdschüttung und offenen Flankenhöfen gebaut. Diese waren widerstandsfähiger gegen Beschuß, billiger herzustellen und für die Aufstellung von Kanonen mit ihrer erheblichen Rauchentwicklung geeignet. Ihre Verbesserung erfuhr diese Form in der Ausbildung von sog. Ohren zum Schutz der offenen Flankenhöfe. Gegen Mörserbeschuß wurden an der Rückseite der Flankenhöfe gewölbte Hallen angeordnet, zum ersten Mal vermutlich wiederum in Verona, bei der Bastion »de Spagna« (1546-50).
Im Vergleich zu den Veroneser Bastionen kommen bei Rammekens verstärkt Sicherheitsrücksichten zum Tragen. So sind hier die Doppelkasematten weitgehend überwölbt. Durch das Fehlen einer mittleren Bastion waren die Flanken besonders stark dem feindlichen Beschuß ausgesetzt. Die halben Bastionen von Rammekens finden sich auch bei Festungsentwürfen Sanmichelis (Legano 1529; Candia 1537ff; Zara 1538 u. Peschiera um 1548). (25) Sie befinden sich alle in Wassernähe.


Die Innenhofbebauung

Im Gegensatz zu der Verteidigungsanlage liegt der ursprünglichen Innenbebauung offensichtlich kein einheitliches Konzept zugrunde (Abb. 5). (26) Hier zeigt sich die sekundäre Bedeutung, die Wohngebäuden innerhalb von Festungen gewöhnlich zugemessen wird. Nur unvollkommen ordnet sich das Majorswohnhaus mit dem Treppengiebel an der Ostkurtine in das Festungskonzept ein. Als Baukörper verstellt es den Zugang zum nördlichen Flankenhof. Seine Höhe hatte zwar einen gewissen Symbolwert, machte es jedoch zu einer leichten Zielscheibe. Möglicherweise ist dieses Haus älter als die Festung; (27) auf jeden Fall weist die spätgotische Gestaltung auf einen einheimischen Architekten. (28) Ebenfalls älter könnte der Leuchtturm sein: Bereits vor dem Bau der Festung war auf Walcheren aus Angst vor feindlichen Invasionen ein Küstenwachsystem installiert. (29) Früh abgebrochen ist die Form des Leuchtturms lediglich durch eine alte Ansicht bekannt (Abb. 6). Seine Lage darf nach den Kellerfundamenten in der Ecke der Kaserne vermutet werden. Auf dem ältesten erhaltenen Grundriß von 1748 ist er nicht mehr vorhanden. (30) Möglicherweise wurde er bereits 1573 bei der Beschießung der Festung durch die Geuzen zerstört. (31) Sicher machte ihn seine Höhe zu einem einfachen Ziel. Bei den komplexen Spuren früherer Bebauung (32) in der Ecke der Kaserne könnte es sich um Reste der Leuchtturmwächterswohnung handeln.



5. Axometrie der rekonstruierten Festung von 1547; die genaue Lage des Leuchtturms ist nicht mehr nachzuweisen.


Der relativ kleine Innenhof bot wenig Raum für die Anordnung neuer Gebäude; die vermutete Übernahme bereits vorhandener Bausubstanz schränkte die Gestaltungsmöglichkeiten weiter ein. So ist das einzige Gebäude auf dem Innenhof, das sich in den Gesamtplan vollständig einordnet und daher mit einiger Sicherheit auch von 1547 stammt, die zweigeschossige Kaserne (33); sie lag in der Ecke zwischen dem am besten geschützten Ort parallel zu den landseitigen Kurtinen; bis zur Traufe war sie vollständig vom Wall gedeckt.

Vergleichsbeispiele

Eine systematische Untersuchung von Seefestungen liegt bisher nicht vor; Publikationen von einzelnen Objekten sind selten. Zwei Beispiele sind für die Festung Rammekens von Belang. Eine besondere Ähnlichkeit zeigt die Festung St. Nicolo bei Sibenik (Y) (Abb. 7) an der dalmatischen Küste. (34) Sie verteidigt die Hafeneinfahrt der Stadt am Kanal St. Anton. Ab 1540 wurde sie nach einem Entwurf von Gian Girolamo Sanmicheli, einem Onkel Michele Sanmicheli’s, gebaut. Die Ähnlichkeit ist so groß und der zeitliche Abstand so klein, dass St. Nicolo als der direkte Vorläufer von Rammekens angesehen werden darf.



6. Älteste Ansicht von »t’Casteel van Zeeburgh«, wie Rammekens ursprünglich hieß (vermutlich 17. Jh.)
7. Die Festung S. Nicolo bei Sibenik (ab 1540)



Anders ist bei St. Nicolo im wesentlichen die Ausformung der Bastion an der Seeseite und der Kurtine zwischen den beiden Halbbastionen; der Deichanschluß entfällt. Das Gesamtkonzept jedoch ist dasselbe: die Aufteilung in eine Land- und eine Wasserseite mit entsprechend unterschiedlicher Ausbildung von Bastionen und Kurtinen. In beiden Fällen liegt das Tor geschützt an einer Bastionsflanke.
Ebenfalls zum Schutz der Hafeneinfahrt entstand das Forte di St. Andrea bei Venedig (35), ab 1534 nach einem Entwurf von Michele Sanmicheli gebaut. Gegen die Schiffe richtet sich hier eine Vielzahl von Kanonenscharten, die von hinten lediglich durch eine kleine Streichwehr gedeckt sind. In den reichen Schmuckformen stellen sich die Macht und der Reichtum der Republik Venedig dar.

Napoleonisches Fort

Ihrer Funktion nach war die Festung Rammekens eine kleine Küstenbatterie; ihre militärische Bedeutung schwand mit der Entwicklung der Kriegstechnik und der Verlandung des Vorfeldes. Zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken sollte der zunehmende Verfall der Bausubstanz mit der Einrichtung eines Spitals für Seeleute 1787 aufgehalten werden (36): anstelle des abgerissenen westlichen Kasernenflügels wurde ein Spitalgebäude errichtet. Kurz darauf, in napoleonischer Zeit, erlangte Rammekens noch einmal militärische Bedeutung.



8. Napoleonische Idealplanung für das Fort Rammekens von 1810; ausgeführt wurde nur das Kronwerk.


Der Einfall der Engländer auf Walcheren im Jahre 1809 zeugte von der Notwendigkeit, das Scheldedelta zu verstärken: Die völlig veraltete Festung von 1547 wurde zum Reduit einer erweiterten Anlage umgestaltet, die als Außenforte der Festung Vlissingen diente (Abb. 8). Dies bedeutete den Abriß aller Gebäude auf dem Innenhof bzw. die Anlage bombensicherer Kasematten an den seeseitigen Kurtinen (Abb. 9). Von den vorgesehenen Außenbefestigungen wurde nur das Kronwerk ausgeführt. (37)



9. Baualterplan: Die Festungsanlage von 1547 ist im wesentlichen erhalten; nachhaltig verändert wurde der Innenhof. Als nicht bombensicher wurde die gesamte Innenbebauung 1811 abgerissen. Dafür wurden an der Süd- und Ostkurtine Kasematten angelegt.


Heute ist das Fort Rammekens Teil des Naturreservats Rammenkenshoek. Mit ihren bescheidenen Mitteln bemüht sich die staatliche Forstbehörde um den Unterhalt der Bausubstanz. Geplant ist eine Nutzung der Kasematten des Forts zu Ausstellungen über die Fauna und Flora der Umgebung. Dies allein jedoch wird der besonderen Bedeutung der Festung nicht gerecht.





Abbildungsnachweis:
Merian, Caspar (Hrsg.): »… Beschreibung und Abbildung der fürnembsten Örter in den Niderländischen XVII Provincien …«, Frankfurt a. M. 1659 (Neuausgabe Kassel 1964) 158/159, Ausschnitt 1. – Zeichnung Verfasser 2-5. – Rijksarchief in Zeeland, Inv. Nr. II, 921. Nach Katalog von W.S. Unger von G. de Feyter aus dem Jahr 1806. Jedoch mit Sicherheit vor 1742 (Vergl. Abb. 5) 6. – »S. Nicolo di Sebenico …« Biblioteca Nazionale Marciana, Venedig. Publiziert in: Marchesi, Pietro: »Fortezze Veneziane, 1508-1797«, Milano 1984, 7. – »Plan du Fort Rammekens avec les Ouvrages qui y sont proposés«. Unterzeichnet: »Le capitaine au Corps Imperial du génie Marcelot, 1810«. Algemeen Rijksarchief Den Haag, Inv. Nr. V 104, 8.

Fußnoten
1) Bei der folgenden Darstellung handelt es sich um einen kurzen Bericht über die wichtigsten Ergebnisse der ersten bauhistorischen Untersuchung der Festung: Kiem, Karl: »Die Baugeschichte der Festung Rammekens bei Vlissingen. Die Entstehung des bastionären Systems zwischen Mittelalter und früher Neuzeit«, Diplomarbeit Fb Architektur TU Berlin 1983. Die Publikation der Mitte 1983 abgeschlossenen Grabung auf dem Innenhof durch die »Archeologisch Werkgroep Zeeland« steht noch aus; die Funde haben die bauhistorischen Feststellungen bestätigt (Mündliche Auskünfte des stellvertretenden Grabungsleiters Joop van den Bergh im Stadtmuseum Vlissingen, Oktober 1984).
Frühere Veröffentlichungen zur Geschichte der Festung: Emerins, J. Historische Verhandeling over het Kasteel van Rammekens. In: Verhandelingen uitgegeven door het Zeeuwsch Gennotschap der Wetenschapen te Vlissingen, Teil III, 133-176, hrsg. V. Pieter Gillisen, Middelburg 1773; Kuyper, J. de, Het Fort Rammekens. In: Zeeuwsch Tijdschrift 5, 1955, Nr. 2, 48-57; Meij, B.J. de, de geschiedenis van Rammekens. Middelburg 1923.
2) Datierung nach »Memorie ende instructie van Airent Jans zoon Boom …«, Gent April 1547, sowie »2de rekenning van Jacob Symons zoon Magnus gecommitteerd …«, von 1548, aus: Rijksarchief in Zeeland, inv. Rekenkamer, no. 820, sowie inschr. dat. am Schlußstein des Torbogens.
3) Algemene geschiedenis der Nederlanden, Deel IV: De Bourgondisch-Habsburgse monarchie 1477-1567, Utrecht 1952; Kapitel VII: Houtte, J.A. van, 173-181.
4) Algemene geschiedenis …, a. O., Kapitel III: Craeybeckx, J., 54-56.
5) Algemene geschiedenis …, a.O., Kapitel V: Craeybeckx, J., 119-121.
6) Algemene geschiedenis …, a.O., Kapitel V: Craeybeckx, J., 64.
7) Groenvald, S.-Vermaere, J., Zeeland en Holland in 1569. Een rapport voor de hertog van Alva. In: Historische bronnen, hrsg. Von der Nederlands Historisch Gennotschap. s’Gravenhage 1980, 116. Walcheren wird hier als »der Schlüssel der Niederlande« bezeichnet.
8) Algemene geschiedenis …, a.O., Kapitel VII: Houtte, J.A. van, 182-184.
9) Groeneveld, S.-Vermaere, J., a.O., 117.
10) Die Wehranlage von 1547 ist im wesentlichen erhalten. Spätere Hinzufügungen sind meist durch Baufugen, andere Ziegelformate bzw. anderes Natursteinmaterial unterscheidbar. Vgl. Bauzeitenplan Abb. 9.
11) Die Rücksicht auf topographisch bedingte Angriffsmöglichkeiten ist im Festungsbau des 16. Jhs. weit verbreitet. Selbst regelmäßig konzipierte Anlagen zeigen vielfach eine unterschiedliche Ausbildung der besonders gefährdeten bzw. geschützten Seite.
12) Die originalen Rauchabzugsöffnungen sind im Bestand nicht mehr zu erkennen, nach alten Plänen jedoch eindeutig nachweisbar (vgl. Kiem 1983, a.O., Abb. 39-44).
13) Es handelt sich hier um ein Mittelding zwischen geschlossenen Kasematten mit Rauchabzug und Kasematten mit offenen Flankenhöfen. Entsprechende Flankenausbildungen konnten vom Verfasser in Italien bei frühen Festungen der Gebrüder Sangallo z.B. in Arezzo beobachtet werden. Die im 19. Jh. nachträglich vorgenommene Einteilung in eine alt- und eine neuitalienische Manier (z.B.: Zastrow, Alexander von, Geschichte der beständigen Befestigung. Leipzig 1854) wird der Festung Rammekens in ihren Einzelformen nicht gerecht. Das komplexe Anfangsstadium der Entwicklung des bastionären Systems ist bisher noch zu wenig erforscht. Erste Skizzen zu ihrer Darstellung in Kiem 1983, Kap. 5, 110-205. Zur Frühphase: Hale, J.R., The early development of the bastion: An italian chronology. C. 1450-c.1534: In: Europe in the late middle ages (hrsg. von J.R.L. Highfield und B. Smalley) Evanston/Ill 1954, 466-494.
14) Nach dem bisherigen Forschungsstand ist eine vergleichbare Situierung der Festung nicht bekannt.
15) »Mr. Donati, Architekt seiner kaiserlichen Majestät«: Kosteloo, H.M., De stadsrekeningen van Middelburg 1500-1549. Middelburg 1880, 14.
16) Grundlegend zum italienischen Festungsbau in den Niderlanden; Heuvel, C. van, De verspreiding van de Italiaanse vestingsbouwkunde in de Nederlanden in de tweede helft van de zestiende eeuw. In: Vesting, Vier eeuwen vestingsbouw in Nederland. Hrsg.: Stichtung Menno van Coehorn, s’Gravenahge 1982, 9-15. Zum selben Thema, allerdings für Brandenburg: Biller, Thomas, Der Lynarplan und die Entstehung der Zitadelle Spandau im 16. Jahrhundert. Berlin 1981.
17) Severini Giancarlo, Architetture militari di Giuliano da Sangallo. Pisa 1970; viele Beispiele in: Marconi, Paolo (Hrsg.), Monumenti d’Italia. I Castelli, Architettura e difesa del territorio tra Medioevo e Rinascimento. Novara 1978.
18) Wie Anm. 16.
19) Vermeulen, F.A.J., Handboek tot de Geschiedenis der Nederlandsche bouwkunst, Teil 2: Kentering en Renaissance. s’Gravenshage 1931; Meischke, R., Het architectonisch ontwerp in de Nederlanden gedurende de late middeleeuwen en de zestiende eeuw. In: Bulletin Kon. Ned. Oudheidkundige Bond, 1952, 162-230 und Fockema Andreae, S.J., Ter Kuile, E. H. und Hekker, R.C., Duizend jaar bouwen in Nederland, Teil 2: De bouwkunst na de Middeleeuwen. Amsterdam 1957.
20) Wie Anm. 17.
21) Puppi, Lionello, Michele Sanmicheli, architetto di Verona. Padova 1971.
22) Ermerins, J. a.O., 146, Kuyper, J. de a.O., 52.
23) Nach »Plan ter reparatie van het Fort Rammekens, Ao 1713«, als Fotokopie in der Akte der Festung von J.W.M. Slokkers ###, ehem. Korrespondent Walcheren der Stichting Menno van Coehoorn, leider ohne Herkunfstangabe, Original nicht auffindbar.
24) Puppi, Lionello, a.O.
25) Puppi, Lionello, a.O.
26) Die ursprüngliche Innenbebauung wurde 1811/12 abgerissen. Anhand alter Abbildungen, publiziert in Kiem 1983, a.O. (wie »Plan du Fort Rammekens«, gez. 6.4.1809 Handerwijk, Archives du Génie, Paris; »Fort Rammekens, Plan de terrain«, 1811, Algemeen Rijksarchief Den Haag, Inv. Nr. 870c###; »Plan de Rammekens«, gez. 18.1.1810, Négrier, Algemeen Rijksarchief de Haag, Inv. Nr. V 102; »Fort Rammekens, Plan de terrain, 1811, Projet relatif à l’Achèvement des Casemates Commencées«, Algemeen Rijksarchief Den Haag, Inv. Nr. OBZ 870 G und »Kasteel Rammeken by Middelburg, 1742«, Rijksarchief in Zeeland, Middelburg) läßt sich jedoch weitgehend rekonstruieren.
Die o.g. Grabung der »Archeologisch Werkgroep Zeeland« brachte die Keller der durch die alten Zeichnungen bereits bekannten Gebäude zutage. Beweise dafür, daß gewisse Bauten auf dem Innenhof älter als die Festung sind, ließen sich nicht finden. Für Auskünfte in dieser Angelegenheit danke ich: Drs. M. Rijkart, Rijksuniversiteit Gent, Historische Fakultät (Kartographie), S. Vandenberghe, Adjunct-Conservator der Städt. Museen Brügge (Gemälde im Arentshuis) und Dr. A. Vandenwale, Archivdirektor Brügge (Pläne und Zeichnungen).
27) Die Innenseite der Kurtine passt sich mittel kleiner Versprünge dem Haus an. Bereits drei Jahre nach Baubeginn wurden im Deichgrafenzimmer des Majorhauses Reparaturarbeiten durchgeführt (Rechnung von 1550, Rijksarchief Zeeland).
28) In diesem Fall kommen als Entwerfer der Antwerpener Bauleiter Pieter Fransz. und der Maurermeister Jakob in Frage.
29) Groeneveld, S.-Vermaere, J. a.O., 114.
30) »Plan van het Casteel van Rammekens met syn Souterrains en Casematten 1748«, o.D., o.V., Archief Stichting Menno van Coehoorn, Den Haag. Leider nicht reproduktionsfähig.
31) Ermerins, J. a.O., 155/156; Kuyper, J. de a.O. 53; Meij, B. J. de a.O. 5-7.
32) Zutage getreten bei der o.g. Grabung der »Acheologisch Werkgroep Zeeland« 1982/83, bisher unveröffentlicht.
33) Wie 26.
34) Lit.: Deanovic, Ana, Die regionalen Pläne der Befestigung der kroatischen Grenzen durch die Jahrhunderte der Türkenkriege und die bezeichnendsten Werke im 16.,17. und 18. Jahrhundert. In: Burgen und Schlösser, 14. Jg., Heft 73, II, 109 und 110; Instituto Italiano dei castelli (hrsg.), Le fortificationi Venete in Dalmazia e Corfu. Venedig 1975, 56-60 und Marchesi, Pietro, Fortezze Veneziane, 1508-1797. Milano 1984.
35) Lit.: Marchesi, Pietro, Il Forte di Sant’ Andrea a Venezia. Venedig 1978, und Puppi, Lionello, Michele Sanmicheli, architetto di Verona. Padova 1971, 87-91.
36) Kuyper, J. de a.O., 54.
37) Schukking, W. H., Napoleon en de vestingbouw, meer in het bijzonder in Nederland. In: Genootschap voor Napoleontische studien, Heft 1, Dezember 1951, 48-69, Den Haag. Pläne zum Ausbau von Rammekens in: Archives de l’Inspection du Génie (Vincennes) und Algemeen Rijksarchief Den Haag.

Ursprünglich veröffentlicht in: architectura, Zeitschrift für die Geschichte der Baukunst, Heft 1, Band 18. München, Berlin 1987. 67-75.

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• Karl Kiem, Universität Siegen, Paul-Bonatz-Str. 9-11, 57068 Siegen. Mail: kiem 'at' architektur 'dot' uni 'minus' siegen 'dot' de
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• 26.04.2016
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