Karl Kiem

Der Umbau des Heilig-Geist Hospitals von Alkmaar zur Waage (1582)

Mit den in den Sommermonaten für Touristen nach dem alten Vorbild inszenierten Käsemärkten gehört die Waage von Alkmaar zu den bekanntesten Gebäuden Hollands. Ihre Geschichte ist anhand der Schriftquellen gegen Ende des 19. Jahrhunderts von dem städtischen Archivar C. W. Bruinvis beschrieben worden. (1) Darüber hinaus hat die monumentale Ostfassade von 1582 die Einordnung der Kunstgeschichte erfahren als „… most ornate gable yet erected in the Netherlands, except for that the Antwerp Raadhuis…“. (2) Schließlich wurde 1977 auch noch der 1582 abgerissene Chor der Spitalkapelle ausgegraben. (3) Das bestehende Gebäude selbst und seine Funktion standen dagegen bisher nur am Rande der Betrachtung. (4)

Nach dem beschrieben Stand der Forschung werden die heute noch ablesbaren mittelalterlichen, in dem Waaggebäude aufgegangenen Bauteile als Reste einer Hospitalkirche betrachtet, ursprünglich bestehend aus einem dreijochigen Chor mit 5/10-Schluß im Osten einer quadratischen Vierung in der Mitte und einem Langhaus im Westen. Die eigentlichen Krankenräume werden in einem seperaten, nördlich an die beschriebene Kirche anschließenden Trakt vermutet, dort, wo die Bausubstanz zur Schaffung des Käsemarktes ab 1605 nach und nach abgerissen wurde. Anhand von Schriftquellen wird für dieses Heilig-Geist-Hospital eine Bauzeit um bzw. nach 1341 angenommen. (5)


Abb. 1 Alkmaar, Luftaufnahme des Waagplatzes und der Waage während des Käsemarktes

Bereits die typologische Betrachtung legt aber die Vermutung nahe, daß es sich bei der beschriebenen Sicht des mittelalterlichen Spitals um eine typische Fehlinterpretation handelt. Charakteristisch für den Bautyp ist nämlich die innige Verbindung von Sakralraum und Krankensaal. Weit verbreitet war dabei die Aufreihung der verschiedenen Bereiche an einer Achse, mit der Kapelle im Osten, dem Hospitalsaal in der Mitte und einem Pfründehaus im Westen. (6) Letzteres entstand meist sekundär und ist der zunehmenden Ausdehnung des lukrativen Pfründnerwesens im ausgehenden Mittelalter zuzuschreiben. (7) Alle wesentlichen Funktionen sind dabei in der Regel unter einem Dach zusammengefaßt. Nach ihrer äußeren Erscheinung werden die mittelalterlichen Hospitäler daher oft mit ausschließlich liturgischen Zwecken dienenden Bauten verwechselt. (8)


Abb. 2. Alkmaar, Situation der Waage vor 1597 (Rekonstruktionsversuch). Abrisse: A) 1588 sieben Häuser zur Schaffung eines kleinen Marktplatzes; B) 1582 Chorjoch mit -schluß; C) Häuserblock sukzessive bis 1901, zur Anlage des großen Käsemarktes.

Entsprechend den beschriebenen typologischen Merkmalen darf also auch bei dem Heilig-Geist-Hospital von Alkmaar innerhalb des Hauptbaukörpers nach einer Differenzierung zwischen sakralem und profanem Bereich gefragt werden. Dabei können zunächst verschiedene Unregelmäßigkeiten in der Bausubstanz dahingehend interpretiert werden, daß der westlich gelegene Bauteil erst sekundär angefügt wurde. Dieser schließt nämlich nicht nur um etwa 0,20 m versetzt an, sondern knickt auch noch um etwa 5o nach Norden ab und besteht dazu außerdem aus dünnerem, mit Strebepfeilern verstärktem Mauerwerk. Einen wichtigen Hinweis für die Abgrenzung der Bauphasen liefert auch noch die in der westlichen Dachzone unterschiedliche Art der Windverbände und der Abbundzeichen. (9)


Abb. 3. Alkmaar, Waage, Bauzeitenaxonometrie

Die typologischen Betrachtungen führen zusammen mit der Analyse der Bausubstanz zu einer differenzierten Sicht der Baugeschichte des Heilig-Geist-Spitals von Alkmaar. Danach darf angenommen werden, daß zunächst um bzw. nach 1341 ein Spital mit quadratischem Krankensaal und einem Kapellenchor im Osten errichtet wurde. (10) Daran angefügt wurde dann ab/um 1391 im Westen ein Bauteil, der als Pfründehaus betrachtet werden darf. (11)

Auch die ab 1582 aus dem Heilig-Geist-Hospital hervorgegangene Wage bedarf erst noch der bauhistorischen Differenzierung. Betrachten wir zunächst die Umbaumaßnahme, so stellen wir fest, daß die Substanz des Heilig-Geist-Hospitals mehr geschont wurde, als dies zunächst scheint. So wurde für die neue Waagfassade ‚nur’ der fünfseitige Abschluß des Chores und ein anschließendes Joch abgerissen. Die weiteren beiden Joche sind noch samt dem Dach erhalten. Die Verbreiterung auf das Maß des Spitalsaals erfolgte auf beiden Seiten mit einer vorgesetzten Mauerschale. Der Zwischenraum fand als breite Traufe seinen oberen Abschluß.


Abb. 4. Alkmaar. Grundriß der Waage vor 1597 (Rekonstruktionsversuch)

Durch die Art des Umbaus ergab sich auch eine besondere Form der Unterbringung der Funktion des Wiegens. Mit der doppelten Außenwand konnte nämlich ein Balken mit der daran hängenden Wiegeeinrichtung auf die alte und die neue Außenwand aufgelegt werden. Auf dem Abstand dazwischen lässt sich die Apparatur hin- und herbewegen. In nach außen geschobenem Zustand ragt fast die Hälfte des Waagarmes ins Freie, wo er durch das Vordach gedeckt wird. (12)

Dies bedeutet, daß die Waren draußen unter dem Vordach auf die äußere Waagschale kommen. Der Verschiebemechanismus sorgt dafür, daß die Waagtore nach der Verrichtung des Wiegeprozesses wieder geschlossen werden können. Bei einer Länge des Waagbalkens von 3,05 m ist die vorgegebene Wegstrecke von 0,85 m zwischen den beiden genannten mauerschalen aber für ein ausschließliches Einfahren in der Längsrichtung zu kurz. Daher müssen zum vollständigen Einschluß der Wiegeeinrichtung zunähst noch die Waagschalen entfernt werden. Danach lässt sich der äußere Arm in niedergedrücktem Zustand – also bei verkürzter Grundrißlänge – hinter die Außenwand drehen, wo er durch die weitgehende Rückstellung in die Horizontale arretiert wird. Dabei wird durch die schräge Anordnung des Laufbalkens im Grundriß die Distanz zwischen der Mittelachse des eingefahrenen Waagbalkens und der äußeren Torleibung auf das notwendige Maß verlängert. (13)


Abb. 5. Alkmaar, Waage, Wiegereinrichtung von 1884.

Der heute in Alkmaar anzutreffende Verschiebemechanismus stammt höchstwahrscheinlich von 1844, der Zeit der tiefgreifenden Restaurierung des Gebäudes. (14) Für die Zeit davor darf, nach einem Stich aus der Mitte des 19. Jahrhundert zu urteilen, eine einfachere, an einem hölzernen Balken aufgehängte Konstruktion angenommen werden, wie sie heute noch in Leiden erhalten ist. In jedem Fall konnten auf Grund der beschriebenen Verschiebekonstruktion an der Ostfassade ursprünglich keine Balkenwaagen untergebracht werden, denn diese bestand nur aus einer Schale. Damit müssen die drei Rundbogentore dieser Seite ursprünglich nur dem Transport von Waren in den nicht von Wiegevorgängen in Anspruch genommenen Bereich zwischen den Balkenwaagen sowie in den westlich anschließenden, als Verkaufs- und Lagerhalle genutzten Teil des Gebäudes gedient haben.

Typologisch zeigt sich mit dieser Konzeption ein Weiterwirken der multifunktionalen mittelalterlichen Handelshallen. In ihr sind noch alle wichtigen städtischen Handels-, Verwaltungs- und Versammlungsfunktionen in einem Gebäude vereint. (15) Mit zunehmenden Handelsvolumen kommt es dann ab dem 16. Jahrhundert zunehmend zu Filiationen, wobei die oben genannten Funktionen unterschiedlich kombiniert werden können. (16) Diese Stufe der Entwicklung soll im folgenden als oligofunktionaler Hallengeschoßbau bezeichnet werden. Die Unterbringung der Waage ist hier in Anbetracht ihrer sowohl administrativen als auch merkantilen Bedeutung im Rathaus (17) oder auch in einem Handelsgebäude möglich. Charakteristisch ist für diesen Fall, daß die Waren zum Wiegen in das Gebäude geschafft werden und dort, zur Lagerung oder zum Verkauf, auch verbleiben können.


Abbildung 6: Die Waaghalle in der Mitte des 19. Jahrhunderts (Lithographie von R. de Vries jr.)

Wenn auch baulich selten zu belegen, so darf angenommen werden, daß im Mittelalter die Aufstellung der Waage im Freien, unter einem Schutzdach, in einem einfachen Schuppen oder auch temporär in einem Bauwerk anderer Bestimmung eine sehr viel wichtigere Rolle spielte, als die spärlichen Schriftquellen heute glauben machen. Die Entwicklung eigenständiger, zwei- und mehrgeschossiger monumentaler Waaggebäude mit einer ausschließlichen Wiegenutzung im Erdgeschoß ist erst dem 17. Jahrhundert vorbehalten. Sie geht unter anderem mit der Entwicklung monofunktionaler Speicherbauten einher. Bei beiden Bautypen wird die freistehende Situierung der mittelalterlichen Handelshalle aufgegeben, wobei die Waage meist aber auch noch in der Straßenwand eine herausragende Stellung behält.

Ordnen wir die Waage von Alkmaar nun in die skizzierte Entwicklung des Bautyps ein, so zeigt sie sich am Übergang vom oligofunktionalen Hallengeschoßbau zur monofunktionalen Waage. Mit der beschriebenen Unterbringung des Wiegens an der Peripherie des Gebäudes findet sich hier eine eigenständige, die spätere Entwicklung vorwegnehmende Lösung. In der frei(gelegt)en Situierung auf dem Platz und vor allem in der Kombination mit anderen Handelsfunktionen aber zeigt sich noch deutlich die Zugehörigkeit zum Typ des oligofunktionalen Saalgeschoßbaus. (18) Ein entsprechendes deutliches Zeichen wird dafür ab 1597 noch mit dem Bau des Belfrieds gesetzt. (19)

Fußnoten

(1) Die verschiedenen Darstellungen der Geschichte der Waage von Alkmaar lassen sich weitgehend zurückführen auf die Publikation von C. W. Bruinvis, Hoe de Alkmaarsche Waag-toren zijn Klokkenspel bekomen heeft (Alkmaar 1888), bzw. die erweiterte Fassung, Hoe de Alkmaarsche Waagtoren zijn Klokkenspel bekomen heeft. Tweede druk, vermeerderd en uitgebreid tot eene Geschiedenis van de Kaasmarkt, het Waaggebouw en het Waagrecht te Alkmaar (Alkmaar 1889). Von späteren Autoren werden die Ausführungen von C. W. Bruinvis im allgemeinen kritiklos übernommen.
(2) H.-R. Hitchcock, Netherlandish Scrolles Gables of the Sixteenth and Early Seventeents Centuries (New York 1978), 67.
(3) Vgl. Grabungsbericht und erneute Auswertung der Schriftquellen bei: E. H. P. Cordfunke, Alkmaar in prehistorie en middeleeuwen. Tien jaar stadskernonderzoek (Zutphen 1978), hier 145 ff.
(4) Die vorliegende Untersuchung ist entstanden in Zusammenhang mit der baugeschichtlichen Erforschung des Bautyps Waage in den Niederlanden (16. – 18. Jahrhundert). Die Durchführung des Projekts wird mit einem Habilitandenstipendium der deutschen Forschungsgemeinschaft möglich gemacht. Die Bauaufnahmen entstanden unter Mitarbeit von Architekturstudenten der TU Berlin. Dabei wurde auch der Grundriß der Waaghalle im Maßstab 1 : 50 neu aufgemessen. Dagegen basiert der übrige, heute durch den örtlichen Fremdenverkehrsverband genutzte und für Aufmassarbeiten gegenwärtig unzugängliche Bereich auf der Bauaufnahme von C. W. Royaards, 1958 (Archiv Rijksdienst Monumentenzorg, Zeist). Martin Bücker und Andreas Hofschildt halfen bei der Herstellung der Tuschezeichnungen. Die freundliche Genehmigung und Unterstützung der Bauaufnahmearbeiten erfolgten durch Joop Elsinga, Carla Rogge und Piet Verhoeve von den Gemeentewerken Alkmaar. Dank gebührt im besonderen ebenfalls ganz herzlich Gottfried Gruben (München), Vittorio Magnago Lampugnani (Zürich) sowie C. L. Temminck Groll (Driebergen).
(5) Cordfunke, a.O. 154.
(6) U.a.: Spangeberg, gegründet 1341; Erfurt, 1385; Braunau, gegründet 1417. Vgl.: U. Craemer, Das Hospital als Bautyp des Mittelalters (Köln 1963), sowie D. Leistikow, Hospitalbauten in Europa aus zehn Jahrhunderten (Ingelheim 1967). Zu den niederländischen Hospitalbauten liegt leider noch keine zusammenfassende Untersuchung vor. A. Querido, Goshuizen en Gasthuizen (Amsterdam 1965), behandelt die mittelalterlichen Beispiele nur am Rande. Daß die niederländischen Hospitäler durchaus in die westeuropäische Entwicklung eingeordnet werden dürfen, zeigt auch die Untersuchung von M. A. Prins-Schimmel, Het Heiligen Geest-of Pelstergasthuis, in: De stenen droom. Opstellen over bouwkunst en monumentezorg opgedragen aan Coenraad Liebrecht Temminck Groll (Zutphen 1988), 220 – 235.
(7) Leistikow, a.O. 230.
(8) Craemer, a.O., passim.
(9) Vgl. zu den Abbundzeichen das handschriftliche Manuskript von E. J. van Dam (o.T., o.O., o.J.) im Archiv der Gemeentewerken Alkmaar
(10) Das so rekonstruierte ursprüngliche Hospitalgebäude hat eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem alten Hospital von Deidesheim auszuweisen. Vgl. U. Hassler, Die Baupolitik des Kardinals Damian Hugo von Schönborn (Mainz 1985), S. 106.
(11) Die bauliche Differenzierung entspricht der Unterscheidung in den Schriftquellen zwischen Heilig-Geesthuis (Spital) und Heilig-Geest-Gasthuis (Altersasyl). Diese ist bisher auf Grund der Fehlinterpretationen des Hospitals ohne Berücksichtigung geblieben.
(12) Zur Funktionsweise gleicharmiger Balkenwaagen vgl.: J. Leupold, Schau-Platz der Gewicht-Kunst und Waagen (Leipzig 1726).
(13) Diese Besonderheit zeigt sich an den ursprünglich mit Balkenwaagen ausgestatteten drei Toröffnungen.
(14) Freundliche Auskünfte zu den Eisenkonstruktionen von E. J. Nusselder und C. L. Temminck Groll.
(15) Vgl. G. Nagel, Das mittelalterliche Kaufhaus und seine Stellung in der Stadt (Berlin 1971).
(16) C. Meckseper, Kleine Kunstgeschichte der deutschen Stadt im Mittelalter (Darmstadt 1982), 186.
(17) J. Paul, Das Rathaus, bei: W. Busch – P. Schmoock (Hg.), Kunst. Die Geschichte ihrer Funktionen (Weinheim u. Berlin 1987), 334 – 365.
(18) Ein vergleichbarer oligofunktionaler Hallengeschoßbau, aber mit starrer Unterbringung der Waage im Gebäudeinneren, findet sich in Deventer. Vgl.: K. Kiem, Die Waage von Deventer (1528) als Handelshalle, in: KNOB Bulletin 93, 1994, H. 2, 53 – 61.
(19) Vgl.: Fr. Schröder, Die gotischen Handelshallen in Belgien und Holland (München u. Leipzig 1914).

Abbildungsnachweis
1) KLM aerocarto luchtfotografie, Schipol, Nr. 19189.
Alle anderen Abbildungen vom Verfasser

Zuerst publiziert in: Koldewey-Gesellschaft Vereinigung für baugeschichtliche Forschung e. V.: Bericht über die 38. Tagung für Ausgrabungswissenschaft und Bauforschung vom 11. bis 15. Mai 1994. Bonn 1996, 66-71.

Mehr über:
Waage von Haarlem, Waage als Bautyp

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• 26.04.2016
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